Reiseführer

Insel Rügen – Kreideküste, Kaiserbäder und Geschichte

Rügen ist mit 926 km² Deutschlands grösste Insel – und gleichzeitig eine der vielschichtigsten. Wer die Kreideküste kennt, kennt Rügen nicht. Dieser Reiseführer erschliesst die Insel so, wie sie sich wirklich erschliesst: von Binz über Prora und Sassnitz bis zum Nationalpark Jasmund.

Anreise: Hamburg oder Berlin als Ausgangspunkt

Von Hamburg nach Rügen gibt es zwei Routen. Die Autobahn (A20/A19, Abfahrt Richtung Stralsund) ist komfortabel und gut ausgeschildert. Wer die kürzere Variante bevorzugt, fährt von Rostock kommend auf der Bundesstrasse 105 Richtung Stralsund – etwas kürzer und landschaftlich reizvoll. Die Hochbrücke vor Stralsund, die die Insel mit dem Festland verbindet, ist für sich selbst bereits eine Sehenswürdigkeit: Von der Brücke aus öffnet sich der erste Blick auf die Insel, und die Volkswerft Stralsund ist vom Gegendamm aus gut zu sehen. Von Berlin aus sind es auf der A19 etwa 2,5 Stunden; von Hamburg etwa 3 Stunden.

Binz: Basis und Bäderarchitektur

Das Ostseebad Binz ist der bekannteste Ort Rügens und der natürliche Ausgangspunkt für eine Inselreise. Ab 1879 planmässig als mondäner Badeort angelegt, zog Binz bis 1914 die Berliner Gesellschaft ans Meer. Die weissen Villen mit Holzveranden, die Strandpromenade und die Seebrücke mit dem Kurhaus dahinter – mit seinen zwei unverwechselbaren Türmen – sind auf jeder Rügen-Postkarte: und sie sehen in der Realität genauso aus wie auf dem Bild.

Der Unterschied liegt in der Tageszeit. Wer Binz in den Sommermonaten in der Hauptsaison besucht, findet eine volle Promenade, einen belegten Strand und Wartezeiten an der Seebrücke. Wer früh aufsteht – und das lohnt sich in Binz ganz besonders – findet morgens zwischen 6 und 8 Uhr eine fast menschenleere Strandpromenade, Vogelstimmen statt Touristengeräusche, und einen Blick auf das Kurhaus und die Ostsee, der nichts von seinem Reiz durch Betrieb verloren hat. Der Strand morgens, mit dem Wellenrauschen und dem Licht, das sich verändert – das ist Binz.

Praktisches: Mit der Kurkarte (die im Übernachtungspreis der meisten Hotels enthalten ist) können Gäste innerhalb von Binz bestimmte Buslinien kostenlos nutzen. Alternativ gibt es Rundfahrten ab ca. 12,50 Euro, die unter anderem nach Prora, zum Schloss und zum Naturerbezentrum fahren. Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten finden sich entlang der Hauptstrasse hinter der Promenade.

Prora: Die NS-Geschichte vor der Haustür

Drei Kilometer nördlich von Binz, erreichbar zu Fuss entlang der Promenade oder per Bus, beginnt das KdF-Bad Prora. Wer von Binz kommend nach Prora geht, sieht irgendwann, wie sich das Gebäude im Hintergrund abzeichnet – und dann nicht mehr aufhört. 4,5 Kilometer lang, vier Stockwerke hoch, mit einem Fenster zum Meer für jedes der geplanten 20.000 Zimmer: das KdF-Bad ist das längste jemals in einem Stück errichtete Gebäude der Welt.

Begonnen 1936 unter dem NS-Programm "Kraft durch Freude" (KdF), das Urlaub als staatliches Herrschaftsinstrument verstand, wurde Prora nie fertiggestellt und nie als Urlaubsanlage genutzt. Der Kriegsausbruch 1939 stoppte die Bauarbeiten. Danach folgte Nutzung als Notunterkunft für Flüchtlinge, dann NVA-Kaserne, dann jahrzehntelanger Verfall – und seit den 2000er Jahren eine Mischung aus Museum, Jugendherberge und Luxusapartments. Die Ironie ist kaum zu überbieten.

Das Museum Prora in Block 3 ist der wichtigste Anlaufpunkt: eine gut gemachte Ausstellung zur Geschichte des KdF-Programms und der Anlage. Ein Besuch dauert zwei bis drei Stunden – Aussenbesichtigung, Museum und ein Gang entlang des Strandabschnitts.

Sassnitz: Hafen und der Weg zur Kreideküste

Etwa 20 Kilometer nördlich von Binz liegt Sassnitz – Rügens zweitgrösster Ort und das Eingangstor zur Kreideküste. Der Hafen von Sassnitz hat eine lange, lebendige Mole, von der aus man gut laufen kann und einen schönen Blick über die Hafenanlagen bekommt. An den Kuttern im Hafen werden frische Fische und Brötchen angeboten. Am Ende der langen Mole überblickt man das Hafenbecken; da hinten am Quai liegt auch ein U-Boot, das zur Besichtigung zugänglich ist.

Von Sassnitz aus fahren Ausflugsboote zur Kreideküste. Das ist die schönste Art, die Felsen zu erleben: von unten, mit dem Blick nach oben auf die weissen Kalkfelsen und die Buchenwälder, die sie bekrönen. Die Bootsfahrt dauert etwa eine Stunde hin und zurück; verschiedene Anbieter legen von der Mole und von der Binzer Seebrücke ab. Mit dem Auto kommt man auch zum Besucherzentrum des Nationalparks – aber die Aussenansicht der Kreideküste hat man nur vom Wasser aus.

Nationalpark Jasmund: Kreideküste und Caspar David Friedrich

Der Nationalpark Jasmund mit seiner Kreideküste ist das ikonischste Bild Rügens – und der Ort, an dem Caspar David Friedrich 1818 sein Gemälde "Kreidefelsen auf Rügen" malte, das heute im Kunstmuseum Winterthur hängt und als eines der Schlüsselwerke der deutschen Romantik gilt. Der Königsstuhl – mit 118 Metern die höchste Kreideküste der Insel – ist der bekannteste Aussichtspunkt.

Der Eingang zum Nationalpark liegt bei Lohme, einem kleinen Ort mit Parkplatz und Busstation. Von dort aus gibt es zwei Wanderwege: die kurze gelbe Route (3 km, ca. 35 Minuten) führt direkt zur Victoria-Aussicht, einem kleinen historischen Türmchen mit einem der besten Blicke auf die Kreideküste und den Königsstuhl. Der blaue Weg ist deutlich länger. Alternativ fährt ein Bus von Lohme zum Besucherzentrum des Nationalparks (Eintritt), von dem aus es weitere Wege und Aussichtspunkte gibt.

Der genaue Standort, von dem Friedrich 1818 malte, ist bekannt und zugänglich. Er liegt auf dem Hochuferweg, wenige Minuten von der Victoria-Aussicht entfernt. Wenn man dort steht und den gleichen Ausschnitt sieht, den Friedrich sah – Fels, Meer, Buche – ist das einer der stimmungsvollsten Momente einer Rügen-Reise.

Kap Arkona: Nördlichste Spitze

Das Kap Arkona an der Nordspitze Rügens liegt etwa 30 Kilometer nördlich von Binz. Zwei Leuchttürme (1826 und 1902), die Reste einer slawischen Burganlage aus dem 10. Jahrhundert und ein Panoramablick auf die offene Ostsee, der bei klarem Wetter bis nach Dänemark reicht – Kap Arkona ist ein Tagesausflug, der sich lohnt. Der Weg dorthin führt durch eines der letzten unverbauten Küstenstücke Deutschlands.

Praktische Hinweise

  • Beste Reisezeit: Mai/Juni und September – weniger Touristen, gutes Licht für die Kreideküste. Juli/August ist sehr voll.
  • Unterkunft: Binz bietet die beste Auswahl – restaurierte Jugendstilvillen und moderne Hotels in Strandnähe. Sellin und Göhren für ruhigere Atmosphäre.
  • Kurkarte: Die Kurtaxe wird beim Übernachten in Binz fällig und ermöglicht kostenlose Nutzung bestimmter Busse im Ort.
  • Kreideküste per Boot: Abfahrt ab Binzer Seebrücke oder Sassnitzer Mole – schönste Aussenperspektive auf die Felsen.
  • Prora Museum: Tagesbeginn in Binz, Promenade Richtung Prora zu Fuss (45–60 min) oder Bus (10 min). Ca. 2–3 Stunden vor Ort einplanen.

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Rügen ohne Kompromisse

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